Couragierter Widerstand - Sr. Anna Bertha Königsegg

Die Visitatorin der Barmherzigen Schwestern in Salzburg, Schwester Anna Bertha Königsegg (1883 - 1948), hat sich in der schweren Zeit des Nationalsozialismus für die Armen eingesetzt. Für sie riskiert sie auch ihr eigenes Leben. Denn sie war überzeugt, kein Mensch kann dem anderen die Würde absprechen oder rauben, weil sie darin gründet, dass jeder Mensch von Gott geliebt ist.

Auch und gerade der unvollkommene, kranke und schwache Mensch hat diese Würde. In seiner Schwachheit ist er auch Ebenbild Gottes. Anna Bertha wird am 9. Mai 1883 in Königseggwald/Württemberg in einem adeligen Haus geboren. Schon in früher Jugend äußert sie den Wunsch Vinzentinerin zu werden. Mit 18 Jahren geht sie ins Stammhaus der Vinzenzschwestern nach Paris. Warum Anna Bertha gerade nach Paris wollte, blieb ihr Geheimnis. Nie zuvor hatte sie eine Schwester dieser Kongregation gesehen, noch gesprochen. Sie wird dort in der Krankenpflege geschult, legt Weihnachten 1906 ihre ersten hl. Gelübde ab und nimmt den Schwesternnamen Marcellina an.

Bei Kriegsbeginn 1914 muss sie als Deutsche Frankreich verlassen und wird nach Siena und Turin geschickt, wo sie letztlich die Leitung einer Krankenpflegeschule übernimmt.

Zu ihrer eigenen Überraschung wird sie im Herbst 1925 nach Salzburg berufen und ein großer Aufschwung der Kongregation begann.

Wenn auch Schwester Anna Bertha im Gehorsam gegenüber der Kirche ihren Schwestern nahe legt bei der feierlichen Abstimmung 1938 mit "Ja" zu stimmen, wehrt sie sich gegen den bald einsetzenden Kleinkrieg der Salzburger Nationalsozialisten mit Eingaben und Beschwerden und macht sich so bei den neuen Machthabern unbeliebt. Sie tritt mutig und energisch gegen die Zwangssterilisierung und die Ausrottung der Geisteskranken auf.

In einem Schreiben an den Reichsverteidigungskommissar schrieb sie: „Es ist nunmehr schon ein offenes Geheimnis, welches Los diese abtransportierten Kranken erwartet, denn nur zu oft langt kurz nach ihrer Überführung die Todesnachricht vieler derselben ein. (......)

Denn ein jeder von uns, auch Sie und ich, wird einmal hilfsbedürftig werden oder durch Krankheit oder Unfall der Gemeinschaft keinen aktiven Dienst mehr leisten können.(.......)"

Schreiben von Anna Bertha Königsegg an den Reichsverteidigungskommisar im Wehrkreis XVIII, Friedrich Rainer vom 23. August 1940.

Weil Anna Bertha Königsegg nicht bereit war, preiszugeben, wer sie über die "Euthanasieaktionen" informiert hatte, wurde sie in Haft genommen und nach 11 Tagen Haft wieder entlassen. Am 16. April 1941 wird Schwester Anna Bertha Königsegg neuerlich verhaftet. Fast vier Monate muss sie in Haft bleiben. Wenige Tage vor dem Einstellen der Aktion "T4" wird die für das Regime unbequeme Visitatorin, wahrscheinlich auch auf Grund von Interventionen ihrer Angehörigen, aus der Haft entlassen und muss Salzburg noch am selben Tag, dem 13. August 1941, den Rücken kehren und sich auf das Gut ihres Bruders in Königseggwald zurückziehen, das sie ohne Erlaubnis der Salzburger Gestapo nicht verlassen darf. Die Forderung, ihr Amt als Visitatorin niederzulegen und aus der Kongregation auszutreten, weist sie trotz der Drohung in ein KZ überstellt zu werden, zurück. Im Sommer 1945 kehrt sie auf abenteuerliche Weise in das durch Bomben schwer beschädigte Salzburger Provinzhaus zurück.

Am 12. Dezember 1948 stirbt Anna Bertha Königsegg, gerade 65 Jahre alt. Sie hat ihr Leben in den Dienst der Armen, Kranken und Behinderten gestellt, versuchte das Ideal der vinzentinischen Gemeinschaft zu verwirklichen und allen barmherzige Schwester zu sein. Unerschrocken trat sie allem Unrecht entgegen und fürchtete niemanden, wenn es galt, verfolgtes Menschenleben zu retten. Lieber ertrug sie Haft, Einschüchterungsversuche und Verfolgung, als dass sie zum Unrecht geschwiegen hätte. Ihr Leben war gekennzeichnet von tiefer Frömmigkeit: aus ihrem Glauben schöpfte sie die Kraft sich gegen die Gräueltaten der Nationalsozialisten zu stellen. Sie konnte zwar die Tötung vieler Bewohnerinnen und Bewohner nicht verhindern, doch haben auch ihre Proteste zum Abbruch der "T4"-Aktion im August 1941 beigetragen. Schwester Anna Bertha gehörte zu den wenigen Unerschrockenen dieser Zeit, die den Mut aufbrachten, sich offen gegen die Vernichtung sogenannten "unwerten Lebens" durch die Nationalsozialisten zu stellen. Ihre Eingaben bezeugen dies auf eine sehr klare und deutliche Weise.